Berichte und Tipps rund um die Aufnahme eines "Notpunktes"

Wenn man einen Hund aus dem Tierschutz aufnimmt...

Zunächst einmal möchten wir uns bei Ihnen bedanken, dass Sie sich für einen Hund aus dem Tierschutz entschieden haben. Damit Ihr gemeinsamer Weg mit Ihrer Fellnase harmonisch verläuft, möchten wir Ihnen eine Reihe von Tipps mit auf den Weg geben. Jeder dieser Hunde hat seine persönliche Leidensgeschichte hinter sich. Dies kann sich auf vielfältige Art und Weise auf sein Verhalten auswirken. Ängstlichkeit, Futterneid sowie auch anfängliche gesundheitliche Probleme seien hier nur beispielhaft genannt.
Auslandshunde kennen wir i.d.R. nur aus dem Zwinger in der Tierheimsituation. Es ist daher manchmal nicht sicher zu beurteilen, ob er sich mit z.B. dem Kaninchen verstehen wird oder stubenrein ist. Wir verstehen vollkommen, dass Sie diese Fragen gerne beantwortet hätten, aber leider ist es uns nicht immer möglich, hierauf eine befriedigende und ganz sichere Antwort zu geben. Ebenso ist uns leider meistens nicht bekannt, wo und wie der Hund vorher gelebt hat, daher werden viele Ihrer Fragen unbeantwortet bleiben müssen. Stellen Sie sich einfach vor, Sie würden einen ausgesetzten Hund im Wald finden: auch hier haben Sie keine Informationen zu Herkunft, Ausbildungsstand…und wie er sich dann bei Ihnen verhalten wird.
Ihr Hund braucht nach der Ankunft vor allem Ruhe, Geduld, Zuwendungen und nicht zu vergessen Zeit. Es ist nur zu verständlich, dass man seine Freude über das neue Familienmitglied mit anderen teilen möchte. Aber stellen Sie sich vor, Sie kämen als Fremder in eine Familie und würden mit immer neuen Gesichtern, Stimmen und auch Stimmungen konfrontiert. Das würde Sie auch verunsichern. Gönnen Sie Ihrem neuen Familienmitglied eine ruhige Eingewöhnungsphase. Diese kann unterschiedlich dauern, mal 1 Woche mal 6 Wochen – seien Sie auf beides gefasst und bereiten Sie sich entsprechend vor.
Ihr Hund durfte früher vielleicht nicht in ein Haus und wurde dafür bestraft, er kennt die Wärme nicht, die Gerüche und Geräusche nicht und schon gar nicht die deutsche Sprache. Alles ist fremd. Deshalb kann es bedrohlich sein und deshalb ist es wichtig, den Hund mindestens in der ersten Woche auf keinen Fall alleine zu lassen und je nach Charakter und Vertrauensentwicklung dann erst mit dem Training, mal alleine zu sein, zu beginnen. Stellen Sie sich darauf ein, dass Sie den Hund in der Eingewöhnungsphase (oft 4 Wochen) nicht alleine lassen können, manches Mal mehr.
Es ist auch verständlich, dass Kinder das neue Familienmitglied knuddeln und umarmen wollen. Ein hübsches Tiergesicht lädt ja auch förmlich dazu ein. Dies ist aber im Normalfall eine bedrohliche Geste für den Hund, weil seine Individualdistanz unterschritten wird. Streicheln Sie den Hund zu Beginn erst mit der Außenseite der Hand seitlich am Kopf, nicht direkt mit der Handinnenfläche. Auch dies wird von den Hunden als angenehmer empfunden als die warme Handinnenfläche. Haben Sie einen so genannten „Kampfschmuser“ erwischt, werden Sie das eh zügig erkennen ;o)
Eines ist ganz wichtig: Bereiten Sie sich auf Ihr neues Familienmitglied vor!
Bitte machen Sie sich bewusst, dass es sich mit der Vermittlung um eine ‚Blind Date’ handelt. Das bedeutet, das Aussehen, Größe, Charakter muss nicht immer so sein, wie beschrieben. Der Hund war im Zwinger ausgeglichen und nun ist er verängstigt nach dem Transport oder andersherum. Im Zwinger war er lieb und freundlich, und nun holt er seine ganze Kindheit und Flegeljahre gleichzeitig nach. Wir bemühen uns, möglichst viele Fotos zu machen, aber nicht immer geben diese wirklich den wahren Eindruck weiter.

Stellen Sie sich auch geruchstechnisch bitte auf den schlimmsten Fall ein. Aber das Fellgesicht als erstes im neuen Zuhause in die Dusche zu setzen oder mit Gerüchen zu besprühen, die Menschen toll finden, aber für Hunde unerträglich sind, wäre keine gute Maßnahme, um Vertrauen aufzubauen. Um den ersten Tag gemeinsam gut zu überstehen gibt es (neben dem guten Durchlüften) einen Linderungstrick: (Alte) Handtücher warm im Wasser anfeuchten und das Fellgesicht liebevoll massierend in langsamen Bewegungen immer in eine Richtung (von vorn nach hinten) abreiben, so dass er/sie nicht nass ist. Das ist eine Gratwanderung bei ängstlichen Hunden, aber bei den meisten Hunden baut das schnell und sehr positiv eine Beziehung auf. Dadurch wird der erste Dreck herausgenommen und etwas vom Geruchs ebenso. Trockenshampoo wird von einigen Hunden nicht vertragen und ist deshalb sollte darauf unbedingt verzichtet werden.
Wenn Sie Ihre Fellnase am Übergabepunkt übernehmen, denken Sie bitte an Halsband und Geschirr und Leine. In erster Linie benötigt die Fellnase nun Wasser. Denken Sie daher unbedingt an einen Wassernapf und Wasser. Leckerlis - bitte nicht zu viel, manche Hunde vertragen den Transport nicht besonders gut. Lassen Sie ihn in Ruhe erst einmal alles beschnuppern. Bedrängen Sie den Hund nicht in diesem Moment. Er hat jetzt viel hinter sich und ist nach dem Transport oft noch verstört.
Achten Sie darauf, dass Sie den Hund am Fahrzeug absichern. Nicht dass Ihnen der Hund am Wagen entschwindet, während Sie noch alles verstauen. Gerade wenn man vielleicht sogar zwei Hunde übernimmt, verliert man leicht den Überblick. Oftmals sind die Tiere auch noch geräuschempfindlich und ängstlich und wollen einfach nur weg. Sie sollten den Hund auch während der Autofahrt innen festclippen, dann können Sie ihn entspannt zu Hause aus dem Fahrzeug holen. Zu Hause angekommen, gehen Sie noch einmal eine kleine Runde, unter Umständen natürlich auch gemeinsam mit Ihrem anderen Hund, damit sich alle auf neutralem Boden beschnuppern können, bevor es in die Wohnung geht. Lassen Sie ihn jetzt erst einmal völlig in Ruhe, damit er sein neues Zuhause inspizieren kann. Sie werden sehen, dass er ziemlich schnell zu Ihnen kommt und Streicheleinheiten einfordert.
Ihr Hund wird jetzt erst einmal eine Bindung zu Ihnen aufbauen müssen. Leinen Sie ihn daher anfangs nicht ab. Loben Sie ihn begeistert für jeden Blickkontakt. Eine schöne Sache ist auch die Fellpflege. Wenn Sie gerade zu Beginn ‚nur’ eine Noppenbürste benutzen, ist die Fellpflege so stressfrei und der Hund erhält zudem noch eine kleine Massage. Und wer mag das nicht? Das fördert die Bindung zu Ihrem Hund ungemein. Als Faustregel sollte man ungefähr 6 Wochen warten, bis man den Hund „Off“-Line lässt.
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Über den Charakter sowie das Alter Ihres Hundes versuchen wir Sie so genau wie möglich zu informieren. Das Alter wird von einem Tierarzt geschätzt, ganz genau wird man es nie feststellen können. Darüber hinaus ist der Hund oft bisher nur an den Zwinger gewöhnt und viele andere Hunde. Gehen Sie davon aus: Neue Umgebung kann auch neues Verhalten bewirken! So ein Hund kann eine kleine Überraschungstüte werden: Eifersüchtig gegen andere Hunde, weil er jetzt ein sooooo schönes Zuhause hat oder stundenlang den tollen, sich stetig füllenden Futternapf gegen alles und jeden verteidigen. Hier gilt: Ruhe bewahren und das Verhalten nicht bestärken. Bitte rufen Sie uns an, wenn ein Zweifel besteht – wir werden gerne mit Rat und Tat zu Seite stehen.
Sollten noch andere Haustiere Ihre Familie vervollständigen, gehen Sie bitte sehr behutsam vor. Vor lauter Freude über den Familienzuwachs vergisst man schon mal ein paar Kleinigkeiten. Für den Hund ist jetzt alles neu: Die Menschen, die Sprache, die Umgebung. Sie können nicht erwarten, dass Sie einen perfekt erzogen Hund übergeben bekommen. Erziehung braucht halt eben seine Zeit. Hier ist viel Arbeit und Geduld angesagt. Worte wie Platz, Sitz, Bleib oder auch Pfötchen sind für den Hund erst einmal völlig ohne Bedeutung. Diese Bedeutung müssen Sie ihm beibringen. Über positive Bestärkung klappt das sicherlich am schnellsten. Wenden Sie sich an eine so arbeitende Hundeschule. Der Hund kann nur so gut sein, wie wir Menschen ihm die Anleitung dazu geben. Üben Sie zu Beginn in Einzelstunden, bevor Sie mit Gruppentraining starten. Fangen Sie nicht gleich in der ersten Woche mit Befehlen an – Ihr Hund kennt ja nicht mal die deutsche Sprache bisher!
Seien Sie sehr konsequent und lassen Sie keine Essensreste in der Küche zurück. Die Hunde entwickeln einen enormen Ideenreichtum, um an Futter zu gelangen. Sollte Ihr Hund pfotenhoch die Arbeitsplatte inspizieren, kleben Sie die Arbeitsplatte rundherum mit Doppelklebeband von TESA ab. (Das lässt sich wieder rückstandsfrei entfernen.) Sollte der Hund auf die nächste Entdeckungsreise gehen, bleibt er mit dem Fell dort hängen. Das ziept ein bisschen, aber er hat sich auf dieses Weise selbst bestraft und nicht sein Mensch. Die Erfahrung macht er maximal 2 – 3 Mal, dann lässt er die Arbeitsplatte fortan in Ruhe.
Zu Beginn empfehlen sich häufigere, nicht ganz so ausgedehnte Spaziergänge. Meist sind die Hunde noch schlecht bemuskelt. Das entwickelt sich aber mit der Zeit. Und wir wissen wohl alle aus eigenen Erfahrungen, dass ein Muskelkater ziemlich schmerzhaft sein kann.
Die Hunde sind in der Regel nicht stubenrein, sie lebten bis auf Ausnahmefälle in Zwingern und wissen nicht wie es ist, in einem eigenen Haus zu leben und regelmäßig nach draußen gehen zu können. Sie lernen es jedoch sehr schnell (Welpen natürlich langsamer)! Bitte haben Sie Geduld und tragen Sie diesen Hunden nichts nach, sie können nichts dafür weil sie nie erzogen worden sind! Bitte bestrafen Sie Ihren Hund nicht oder rufen hysterisch aus, wenn er ein Häufchen macht oder das Beinchen hebt und ziehen Sie den Hund nicht weg. Das Tier wird das als Angriff betrachten und nicht verstehen – Sie machen damit jede bisher aufgebaute Vertrauensbasis kaputt. Deshalb ist es wichtig, dem Hund die Chance zu geben zu erkennen, was Sie wollen, indem Sie ihn/sie überschwänglich bei jedem Geschäft vor der Türe  loben und mit einem Leckerli bestätigen. Sie werden ebenso wie der Hund ein viel besseres Gefühl dabei haben.
Gönnen Sie dem Neuankömmling ein ruhiges, ungestörtes Plätzchen zum Schlafen, gerade wenn noch andere Tiere im Haushalt wohnen. Mancher Hund mag es, in einem abgedunkelten Raum zu schlafen, andere bevorzugen die Nähe der Menschen und wollen gerne im Schlafzimmer mit schlafen dürfen.
Die Hunde werden alle geimpft, gechipt, entwurmt, kastriert (je nach Alter und Gesundheitszustand) und von einem Tierarzt untersucht und sind unseres Wissens und besten Gewissens nach gesund. Leider können sie sich durch Aufregung und Angst Durchfall bekommen. Bitte werden sie nicht bei den ersten Anzeichen nervös und vermuten das Schlimmste – das überträgt sich auf den Hund. Sprechen Sie mit Ihrer Vermittlerin. Trotz aller Untersuchungen lässt sich nie garantieren, dass der Hund nicht eine bisher unentdeckte Erkrankung hat oder krank wird. Dies ist aber natürlich auch nicht der Fall, wenn Sie einen Hund in Deutschland bei einem Züchter kaufen oder aus einem deutschen Tierheim holen. Der Hund kann trotzdem, wenn er in Deutschland ist, einmal zum „durch checken“ dem Tierarzt vorgestellt werden – aber bitte nicht sofort nach der Ankunft, lassen Sie mindestens eine Woche vergehen.
Trotz Behandlung mit Frontline vor der Abreise können sich mal ungeliebte Untermieter (Flöhe, Läuse) mit einschleichen. Bitte geben Sie nicht erneut Frontline oder Stronghold, sondern bitten Sie ggf. Ihren Tierarzt um ein kompatibles Mittel. Erneute Entwurmung ist bei Kleinkindern im Haushalt immer zu empfehlen, obwohl die Hunde alle entwurmt wurden. 

Wir wünschen Ihnen, dass Sie mit Ihrem neuen Weggefährten viel Freude haben werden. Sollte Ihnen etwas auf dem Herzen liegen, bitte scheuen Sie sich nicht uns anzusprechen, auch uns liegt sehr viel daran, dass Sie mit Ihrem Hund glücklich sind!

 

Ihr Team des SOS-Dalmatiner e.V.